Evaluation

Angstselbsthilfe beleuchtet ihre Wirksamkeit –
Ergebnisse aus einer Wirksamkeits-Evaluation der Münchner Angstselbsthilfe (MASH)

Die Münchner Angstselbsthilfe wurde 1989 von Betroffenen gegründet und hat sich seither in München als anerkanntes Unterstützungsangebot für Menschen mit Angststörungen etabliert. Sie wird von den gesetzlichen Krankenkassen nach §20h SGB V und vom Gesundheitsreferat der Landeshauptstadt München finanziell gefördert. Insbesondere durch die Regelförderung der Landeshauptstadt München ist es der MASH möglich, die ehrenamtlich moderierten Selbsthilfegruppen mit einem hauptamtlichen Team professionell zu begleiten. Alle Ehrenamtlichen, aber auch ein Großteil der Hauptamtlichen haben persönliche Angst- und Selbsthilfeerfahrung. Die MASH bietet für die Gruppenleiter*innen regelmäßige (störungsspezifische) Schulungen und Supervisionen an. Es geht dabei nicht um die Ausbildung von Laien-Therapeut*innen, sondern vielmehr werden die Gruppenleiter*innen immer wieder in ihrem Selbsthilfeverständnis, insbesondere als Rahmengeber*in und nicht als Problemlöser*in, begleitet und bestärkt. Menschen mit einer Angststörung hilft in den meisten Fällen ein klarer und geschützter Rahmen, klare Regeln, Abläufe und Zuständigkeiten, um sich auf die Gruppenarbeit und ihre angstbesetzten Themen einlassen zu können. Das beginnt schon beim ersten Eindruck, sei es auf der Homepage oder beim Lesen der Erstkontaktbroschüre. MASH bietet Vorgespräche und Info-Treffen (auch in Klinken) an, damit Interessent*innen genau wissen, worum es geht und worauf sie sich einlassen. Nähere Informationen finden Sie unter www.angstselbsthilfe.de/mash.

Mut zur Pionierarbeit und kritischen Reflexion

In Selbsthilfekreisen ist nicht unumstritten, ob sie sich selbst mit Hilfe empirischer Forschung einen Spiegel vorhalten darf oder im Umkehrschluss gar muss. Die Münchner Angstselbsthilfe hat sich mit der Untersuchung, die im Folgenden vorgestellt wird, für den Spiegel entschieden. Als Betroffenen-Initiative hat die Münchner Angstselbsthilfe ein eigennütziges Interesse daran, dass ihre Angstselbsthilfegruppen den Teilnehmer*innen im Umgang mit der Erkrankung wirkungsvoll helfen. Sie hat deshalb ihre Selbsthilfegruppen einer Wirksamkeitsuntersuchung unterzogen – obwohl es für manche zum grundlegenden Selbstverständnis von Selbsthilfe gehört, vom Anspruch evidenzbasierter Medizin und Psychotherapie unabhängig zu sein, zu bleiben und sich bewusst abzugrenzen. Um die eigene Angstselbsthilfegruppenarbeit jedoch verbessern zu können und der Öffentlichkeit erste empirische Hinweise zu liefern, dass Selbsthilfe einen Beitrag dazu leisten kann das Leben der Betroffenen zu verbessern, unterzog die MASH ihre damals 17 Angstselbsthilfegruppen ab 2010 für einige Jahre einer wissenschaftlichen Evaluation. Unterstützt wurde sie dabei vom eigenen wissenschaftlichen Beirat und der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT).

Ziele der Untersuchung:

Da sie erste Nachweise für die Wirksamkeit von Selbsthilfe liefern sollte, lautete die erste Hypothese der Studie:
1. Den Teilnehmern und Teilnehmerinnen geht es nach Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe besser als vor der Teilnahme

Weil es der MASH naturgemäß ein Anliegen war zu zeigen, dass die Angstselbsthilfe daran einen entscheidenden Beitrag geleistet hat, untersuchte sie auch diese zweite Hypothese:

2. Die Angstselbsthilfe leistet einen Beitrag zu dieser Verbesserung

Herangehensweise

Um einen Vorher-Nachher-Vergleich zu ermöglichen, wurden die Teilnehmer*innen zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten befragt: Bei Gruppeneintritt und nach sechs Monaten der Gruppenteilnahme. An beiden Zeitpunkten wurde mit ihnen das diagnostische Interview psychischer Störungen (DIPS[1]) von Psychologinnen M.Sc. durchgeführt. Dieses dient dazu, das Vorliegen einer psychischen Störung und ggf. ihren Schweregrad festzustellen. Außerdem haben die Teilnehmer*innen ein umfangreiches Fragebogenpaket ausgefüllt, in dem sich neben einem Fragebogen zur Stressverarbeitung und dem Fragebogen zur Lebenszufriedenheit zwei Fragebögen befanden, die die Stärke einer Angstsymptomatik abfragen. Das Beck Angst Inventar (BAI) und das Brief Symptom Inventory (BSI). Darüber hinaus füllten die Teilnehmer*innen zu beiden Zeitpunkten einen von der MASH selbst entworfenen Fragebogen aus, in dem ihre Veränderungserwartungen (Was erwarte ich mir von der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe?) und die von ihnen angenommenen hilfreichen Faktoren (Was könnte für dich in einer Gruppe hilfreich sein?) abgefragt wurden. Auch demographische Daten konnten hier erhoben werden. Die zweite Hypothese, dass die Selbsthilfe einen Beitrag zu einer Verbesserung der Angstsymptomatik leistet, wurde v.a. durch diesen MASH-Fragebogen getestet. Außerdem versprach sich die MASH von Untersuchungen zu dieser zweiten Hypothese Anhaltspunkte für Verbesserungen in den Gruppen, um die Qualität weiter zu steigern.

Datenvielfalt

Da es für die MASH ein Anliegen ist, allen Betroffenen eine Anlaufstelle zu bieten, waren in der Auswertung auch die demographischen Daten sehr spannend. Es konnten insgesamt Daten von 180 Teilnehmenden ausgewertet werden, auch wenn am Ende nicht für alle Analysen vollständige Daten von all diesen Personen vorlagen. Mit einem Geschlechterverhältnis von 55% Frauen und 45% Männer und einem Altersdurchschnitt von 41 Jahren bei Teilnehmenden zwischen 19 und 78 Jahren waren erste Hoffnungen erfüllt: Eine ausgeglichene Geschlechterverteilung und eine umfassende Altersverteilung konnten gewährleistet werden. Die MASH sieht ihrerseits einen wesentlichen Wirkfaktor ihrer Gruppen darin, dass Menschen sich über dasselbe Grundthema, die gleiche Erkrankung austauschen. Auch hier stimmte für MASH das Ergebnis: Es wurde 90% der Teilnehmenden eine Angststörung diagnostiziert. Damit war das erste, nicht selbstverständliche Ziel erreicht: Die MASH erreicht die Zielgruppe, die sie erreichen will, nämlich Menschen mit einer Angststörung. Darunter war die größte Gruppe diejenigen mit einer sozialen Phobie, gefolgt von Panikstörungen.

Hypothese 1

Die brennendere Frage war jedoch: Geht es den Teilnehmern nach 6 Monaten Teilnahme besser als zuvor?
Wir können klar sagen: Ja das tut es! Für die erste Hypothese, der Frage nach einer Verbesserung der Angstsymptomatik, waren zwei der standardisierten Fragebögen zentral. Das Beck Angst Inventar und das Brief Symptom Inventory, zwei renommierte Fragebögen die Angstsymptome und mit einer Unterskala die Angststärke (BSI) erheben. Beide bestätigen die subjektive Erfahrung aus 25 Jahren: Sowohl auf dem BAI als auch auf dem BSI zeigte sich eine Verringerung der Angststärke – ein Ergebnis, das auch statistisch hoch-signifikant ist und damit ein valides Ergebnis darstellt. Den Teilnehmer*innen geht es also nach einem halben Jahr besser mit ihrer Angst als zu Beginn der Gruppenteilnahme.

Hypothese 2

Um zeigen zu können, dass die Selbsthilfe an der Verbesserung der Angstproblematik einen entscheidenden Anteil hatte, überprüften wir Hypothese 2 mit Hilfe des MASH Fragebogens. Dieser wurde 2010 eigens entwickelt und im Zuge einer Bachelorarbeit testtheoretisch überprüft. Nun erfasste er beispielsweise Fragen nach den Veränderungserwartungen der Teilnehmenden in Bezug auf die Gruppenteilnahme zu Beginn und nach sechs Monaten, um zu zeigen, ob diese bei der MASH erfüllt werden. Auch diese Analyse ergab ein erfreuliches Ergebnis, das an den folgenden Veränderungserwartungen deutlich wird, die nach einem halben Jahr (signifikant) gesunken waren:

  • „Wie wichtig ist Dir eine Veränderung Deines seelischen Befindens (psychische Symptomatik)?“,
  • „Wie wichtig ist Dir eine Veränderung bezüglich der Möglichkeit zur Eigenaktivität und zur Übernahme von Verantwortung für Dein Leben?“,
  • „Wie wichtig ist Dir eine Veränderung Deines allgemeinen psychischen Wohlbefindens?“,
  • „Wie wichtig ist Dir eine Veränderung Deines Krankheitsverständnisses? Ist es Dir wichtig, die Fähigkeit zu spüren, in Deinem Leben durch eigene Aktivität Veränderungen herbeiführen zu können, weil Du verstehst, worunter Du leidest bzw. welches Deine Probleme sind?“

Die MASH schafft es, diese wichtigen Wünsche an die Teilnahme in einer Selbsthilfegruppe zu erfüllen.

Am meisten half ihnen, unseren Ergebnissen zufolge, offen über ihre Ängste sprechen zu können. Das war ein sehr robuster Befund und scheint für viele der Teilnehmenden besonders wichtig gewesen zu sein. Die Rahmenbedingungen der MASH, die genau diesen Wirkfaktor fördern möchten, können damit als Qualitätskriterium bestätigt werden.

Grenzen in der Aussagekraft

Obwohl die bisher dargestellten Ergebnisse für die MASH sehr zufriedenstellend waren, hat die Studie Einschränkungen, die hier ebenfalls Erwähnung finden sollten. Zu diesen zählt das Fehlen einer geeigneten Kontrollgruppe. In diesem Fall wären in einer Kontrollgruppe Menschen, die auf die Teilnehmenden in unserer Studie abgestimmt wären, jedoch nicht an einer Angstselbsthilfegruppe teilgenommen haben. Dadurch ließe sich leichter vergleichen, ob und wie stark sich diese Gruppen voneinander unterscheiden. Ein solcher Vergleich ist ein wichtiges Ziel für die Zukunft, überstieg jedoch die Möglichkeiten der MASH bei Weitem. Eine andere Einschränkung besteht darin, dass sehr viele Teilnehmende vor der Selbsthilfe und/oder währenddessen Psychotherapie erhielten und/oder Psychopharmaka einnahmen. Das führt dazu, dass nicht genau eingeschätzt werden kann, wie hoch der Einfluss dieser anderen Methoden auf das positive Ergebnis unserer Untersuchung war. Diese Frage konnte nicht beantwortet werden, da diejenigen, die ausschließlich die Selbsthilfegruppe besuchten, eine so kleine Minderheit war, dass über sie statistisch keine Aussage getroffen werden kann. Mit einer noch größeren Stichprobe wäre das u.U. möglich. Im Selbstverständnis der MASH ist die Tatsache, dass die Mehrzahl ihrer Teilnehmer*innen sowohl psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen und gleichzeitig, oft auch auf ärztliche, psychotherapeutische Empfehlung hin, an der Selbsthilfegruppe teilzunehmen, ein Qualitätsmerkmal der konstruktiven Vernetzung zwischen Selbsthilfe und Gesundheitssystem. Deshalb war das für MASH eher ein statistisches als ein inhaltliches Problem. Im Ergebnis geht es den Teilnehmer*innen nach 6 Monaten signifikant besser. Das ist es, was zählt.

Ende des Jahres 2018 wurde die Studie abgeschlossen. Der aktuelle Stand der Auswertung wurde bereits auf dem World Psychiatric Congress 2017, dem DGVT Kongress 2018, der Jahrestagung der Gesellschaft für Angstforschung 2018 und dem DGPPN Kongress 2018 präsentiert:

  • Die Menschen, die sich an die Münchner Angstselbsthilfe wenden, haben mehrheitlich eine Angststörung
  • Diese verringert sich nach einem halben Jahr signifikant und
  • Die Teilnahme an der Selbsthilfe kann dazu einen signifikanten Teil beitragen.

Diese positiven Ergebnisse können dazu beitragen, Selbsthilfe als feste Säule und Empfehlung in der Behandlung von Angststörungen zu bekräftigen.

Zuletzt soll an dieser Stelle noch den vielen Teilnehmer*innen gedankt werden, die im Zuge der Studie an den Interviews teilgenommen und viel Zeit in das Ausfüllen von Fragebögen investiert haben, denn ohne sie hätte es diese Ergebnisse nicht gegeben!

Text: Christian Zottl, Geschäftsführung MASH bis Anfang 2019


[1] Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen von Silvia Schneider und Jürgen Margraf, 2006 erscheinen beim Springer Medizin Verlag, Heidelberg